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Roboter, Künstliche Intelligenz (KI) und Algorithmen. In Verbindung mit dem Thema Arbeitsplätze liest und hört man hier immer von Angst. Darüber sprachen wir mit Gunnar Sohn, Diplom-Volkswirt (FU Berlin), Freiberufler, Wirtschaftspublizist, Buchautor, Blogger, Medienberater, Moderator und Kolumnist und Autor von wissenschaftlichen Artikeln zu Künstlicher Intelligenz.

Das Thema „Roboter, Künstliche Intelligenz und Algorithmen“ weckt viele Assoziationen. Oft auch das Bild: Maschine löst Mensch ab. Aber was bedeutet Künstliche Intelligenz eigentlich, gibt es die überhaupt schon?

GS: Es gibt verschiedene Denkrichtungen. Eine besteht darin, dass man das menschliche Gehirn mit allen seinen Fähigkeiten künstlich nachbauen will. Es gibt dahingehend Projekte unter Beteiligung von namhaften Größen, auch aus der digitalen Szene. Was aber vor allem nicht gelingt, ist das Zusammenspiel von Nervensystem und dem neuronalen Netz überhaupt nur nachvollziehen zu können. Biologen und Zoologen sind sich überwiegend darin einig: Das menschliche Gehirn kann nicht nachgebaut werden. Leute auf Unternehmerseite, gerade auch in den USA, behaupten das Gegenteil. Das hat für mich aber eher was von Marktschreierei.

Dann gibt es die pragmatische Denkrichtung für KI. Dafür steht unter anderem auch die Forschungsrichtung in Deutschland. Hier wendet man an: Mustererkennung, Kombinatorik, starke Rechenleistung. Daraus ergeben sich Eigenschaften, mit denen sie dem Menschen klar überlegen sind. Etwa wenn es darum geht, Auffälligkeiten zu erkennen. An der Regelung des Straßenverkehrs kann man so etwas gut verdeutlichen. Hier werden kleinste Auffälligkeiten erkannt, mit anderen Erkenntnissen kombiniert und so frühzeitig Hinweise oder Warnungen ausgegeben.

Wo ist denn die Grenze zwischen Systemen, die einerseits im Rahmen eines eingegebenen Regelwerkes arbeiten und auch frei kombinieren können und andererseits Intelligenz im Sinne von Intuition und Kreativität?

GS: In den USA gilt allgemein schon ein Schachcomputer als künstliche Intelligenz. Natürlich wird der im Laufe der Zeit immer besser, weil er a) immer schneller wird und b) alle Möglichkeiten in Windeseile bis ins fast Unendliche durchspielen kann. Aber letztlich ist auch das nur eine Leistung auf vorgegebenen Wegen, nämlich den Spielregeln und ihren Möglichkeiten: Algorithmen. Alle diese Systeme arbeiten auf Grundlage eines vorgegebenen Plans, der sagt, wie man von A nach Z kommen kann. Aber ihre Leistung kann nicht über das hinausgehen, was in den Algorithmen, also in der Programmierung vorgesehen ist.

Auf der anderen Seite steht die echte kreative Leistung. Es geht darum zu entschlüsseln, was in Momenten etwa einer plötzlichen Inspiration passiert. Selbst die Neurowissenschaften sind nicht in der Lage, das menschliche Gehirn dahingehend eindeutig zu erklären.

Warum sprechen dann so viele Menschen immer noch von Künstlicher Intelligenz, die es per Definition gar nicht gibt? Ist das Marketing?

GS: Ja, da werden viele „Heizdecken“ angeboten und verkauft. Beispielsweise auf Konferenzen und Messen werden die abenteuerlichsten Versprechungen zu der angeblichen Intelligenz gemacht, zum Beispiel, wann der nächste Euro-Crash kommt, wann der nächste Krieg kommt und so weiter – Welterklärungsmaschinen.

Und wenn wir über Roboter reden, dann reden wir in der Praxis von Maschinen, die etwa in der Fertigung bei Automobilherstellern hochkomplexe Arbeitsgänge durchführen können. Die haben fantastische Sensoren und Kameras. Das sind hoch entwickelte Präzisionsgeräte aber das ist nicht KI.

Wichtig zum Verständnis der Problematik ist auch: Es gibt Fragen, die sind nicht zu entscheiden. Das gibt es übrigens auch in der Mathematik.

Aktuelles Beispiel: Es gibt kein Handbuch für die aktuelle Corona-Krise – also nicht nur die Pandemie, sondern die gesamte Krise. Je nachdem, welche Rezepturen angewendet werden, kann sie in die eine wie in die andere Richtung gehen. Der oben beschriebene Weg von A nach Z kann hier nicht vorgezeichnet werden. Deswegen gibt es hierfür auch keine Künstliche Intelligenz, die uns einen guten Rat geben kann. Es liegen zu dieser Krise einfach noch zu wenige bis keine Erkenntnisse vor, auf die solche KI-Systeme zurückgreifen könnten.

Den Deutschen wird oft vorgeworfen, ihre Forschung sei rückständig und würde noch weiter zurückfallen. Nun, so rückständig können wir nicht sein, wenn das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz zum Beispiel Google als Mitgesellschafter an Bord hat. Wir hauen halt nur nicht so auf den Putz. Bei uns werden sogenannte KI-Systeme eher pragmatisch und in Verbindung mit einem bestimmten Nutzen gesehen. Mehr nicht, denn mehr ist auf unabsehbare Zeit auch nicht möglich.

Wie berechtigt ist da die Angst vor dem Verlust von menschlichen Arbeitsplätzen?

Ich finde, so eine Angst muss man auch immer damit in Verbindung bringen, Chancen hinter Veränderungen zu erkennen. Da wir wissen, dass es im eigentlichen Sinn keine Künstliche Intelligenz gibt, liegt der Schluss nahe, dass ein Schlüssel in der Kombination von maschineller oder digitaler Präzision und menschlicher Intelligenz liegt.

Beispiel: Die deutschen Landwirte sind für mich zu etwas wie einer digitalen Avantgarde geworden. Es gibt vernetzte Kuhställe, in denen trotzdem auf das Tierwohl geachtet wird. In der Kartierung oder bei der Berechnung für die optimale Düngung wird schon lange mit Drohnen gearbeitet.

Die Angst, die Sie erwähnen, will ich gar nicht abtun oder vom Tisch wischen. Aber wenn man sich Diskussionen um dieses Thema anschaut, besonders auch in Publikumsmedien, dann wird bis heute so gut wie immer noch auf die Fry/Osborne-Studie verwiesen. Demnach sollen quantitativ die Hälfte aller Jobs wegfallen. Die Studie ist jetzt sieben Jahre alt und von ihren Prognosen ist bisher nichts eingetreten. Die Studie ist nicht nur veraltet, sondern über deren wissenschaftliche Qualität gibt es auch unterschiedliche Meinungen.

Ja, Arbeitsplätze werden sich ändern, sich anpassen. Aber das ist prinzipiell nichts Neues. Wenn man es unter dem Gesichtspunkt sieht, kann man auch mit der Angst anders umgehen.

Aber es besteht ja keine Zweifel daran, dass Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung wegfallen. Welche Bereiche sind oder werden besonders davon betroffen sein?

In bestimmten Unternehmensbereichen werden menschliche Arbeitnehmer irgendwann unnötig. Zum Beispiel überall dort, wo wir auch mit autonomer Steuerung arbeiten können – zum Beispiel der ganze Bereich Intralogistik, Großlager, in denen Versandbestellungen konfektioniert werden. Da sind wir schon auf einem hohen Automatisierungslevel angekommen und ich glaube, das wird auf absehbare Zeit fast hundert Prozent maschinell bewältigt werden können – vielleicht nur noch mit einer kleinen Qualitätskontrolle durch Mitarbeiter.

Wenn wir aber an das vorhin genannte Beispiel Fertigung denken, kann die Entwicklung auch in eine ganz andere Richtung gehen. Bei der Herstellung von Produkten hat sich seit Erfindung des Fließbandes alles um Vermassung gedreht: Produkte in möglichst großer Stückzahl in möglichst kurzer Zeit auf den Markt bringen.

Doch dann kam die 3D-Drucktechnik. Diese Technologie erlaubt viel mehr personalisierte, individuelle Fertigungen bis hin zum Unikat auf Bestellung. Mittlerweile kann man fast jeden Werkstoff damit verarbeiten. Übrigens ein Bereich, in dem Deutschland international sehr weit vorne liegt.

Ich glaube, diese Entwicklung hat das Potenzial, Strukturen in Produktion und Handel auch wieder dezentraler zu gestalten. Das könnte mittelständische Betriebe wieder verstärkt notwendig machen und damit auch wieder neue Arbeitsplätze schaffen.

Wie weit können wir hierzulande solche Ansätze nutzen, um der Angst vor Arbeitsplatzverlusten zu begegnen?

Aus meiner Sicht sollten wir unbedingt weiter und viel mehr in die Digitalisierung investieren. Vor allem für Anwendungen im Bereich Business-to-Business. Der pragmatische Ansatz um mit sogenannter KI zu arbeiten, sie vor allem unter dem Aspekt der Nutzbarkeit zu sehen, ist da sicher sehr förderlich. Weniger bezogen auf den Markt der Endverbraucher.

Da liegen Unternehmen wie Amazon und Google viel zu weit vorne. Auch beispielsweise im Bereich autonomer Fahrzeuge sind wir sicher nicht konkurrenzfähig. Aber wenn es um Spezialisierungen – denken Sie etwa an den Maschinenbau – Nischen und Tiefe geht, stehen uns da noch viele Möglichkeiten offen.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie gut wir sein können, ist die Entwicklung der Quantencomputer. Wer heutzutage irgendwo auf der Welt Quantencomputer baut, kommt um Lizenzen vom Max-Planck-Institut gar nicht herum. Das zeigt, wie gut wir beispielsweise in den Bereichen theoretische Physik und Mathematik aufgestellt sind. Natürlich gibt es in der Spitze der Forschungsinstitute Namen wie Stanford oder Chicago. Da gehen dann die Nobelpreise hin. Aber vor allem in der qualitativen Breite der Forschungsinstitute und Universitätsangebote ist Deutschland viel besser aufgestellt als etwa die USA.

Wir sollten nicht Gefahr laufen, uns selbst schlechtzureden oder schlechtreden zu lassen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch für Medien und Veranstaltungen. Wir haben viele Gründe für viel Selbstvertrauen und Optimismus. Es liegt viel an uns.


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