Für viele Berufstätige ist in den letzten Wochen die Videokonferenz zum neuen und vielleicht sogar wichtigsten Bestandteil ihres Arbeitsalltags geworden. Wo bisher gemeinsame Meetings in einem Konferenzraum oder am Tisch in der Firmenküche abgehalten wurden, sitzen jetzt die Kollegen und Kolleginnen im virtuellen Raum zusammen. Und nur selten ist dabei von den Teilnehmern mehr zu sehen, als der Oberkörper und ein paar Zentimeter Wohnraum im Hintergrund.

Was aber bedeutet das für unsere Arbeitskleidung? Gibt es auch im virtuellen Raum einen Dresscode, den Mitarbeiter einhalten sollten? Wer entscheidet, was wirklich angemessen ist?

Faustregel: Nicht zu schick, nicht zu schlabberig

Wer es nicht gewohnt ist, im Home-Office zu arbeiten, muss sich womöglich erst einmal an die Vorstellung gewöhnen, mit Bürokleidung auf der Couch oder vor dem Schreibtisch zu sitzen. Übertrieben werden sollte aber auch nicht: Weder der Schlafanzug, noch der tiefschwarze Anzug sind ideal für die Besprechung vor der Webcam, denn immerhin fällt die Konferenz normalerweise in die offizielle Arbeitszeit.

Knigge-Experten empfehlen für Videokonferenzen die goldene Mitte: Nicht zu schick, nicht zu schlabberig. Das heißt in der Praxis: Ein einfaches T-Shirt wird mit der guten Jeans kombiniert, ein Rock mit gemütlichem Oberteil. Ob der Kleidungsstil dabei eher in die förmliche oder entspannte Richtung ausschlägt, ist dabei stark vom jeweiligen Berufsfeld abhängig — die Erwartungen einer Anwaltskanzlei an die Kleidung ihrer Mitarbeiter im Home-Office sehen anders aus als die Videokonferenzen in einem Startup. Hier müssen Mitarbeiter also selbst abwägen, in welchem beruflichen Umfeld sie sich bewegen.

Vom vermeintlichen Home-Office-Klassiker „Oben schick, unten nichts“ raten Knigge-Experten hingegen ab: Zwar mag es angenehm und bequem sein, in Boxershorts vor dem Laptop zu sitzen, doch wer unvorhergesehen kurz den Raum verlassen oder etwas vom Boden aufheben muss, bringt sich schnell in eine unangenehme Situation. Auch der unerwartete Videoanruf des Chefs muss so nicht unangenehm hinausgeschoben werden.

Aufräumen nicht vergessen!

Was bei den Gesprächen über den Dresscode für eine Videokonferenz oft vergessen wird, ist der Bildhintergrund: Der Teil der Wohnung, der während eines Gesprächs oder Meetings via Webcam für das Gegenüber zu sehen ist. Ein gewisser Grad an Reinlichkeit und Ordentlichkeit sorgt hier für einen guten Eindruck. Auch ein aufgeräumter Schreibtisch gehört hier dazu: Selbst, wenn die Arbeitsecke selbst nicht von der Webcam erfasst wird, so können die Teilnehmer doch die Stirn in Runzeln legen, wenn auf der Suche nach Unterlagen oder Notizen klappernde Müslischalen oder Essensreste ins Bild wandern.

Dabei geht es bei all diesen Hinweisen und Überlegungen längst nicht nur darum, dass die Mitarbeiter einen guten Eindruck bekommen oder man selbst nicht negativ in einem Meeting auffällt. Auch für die eigene Psyche, Wohlbefinden und die Arbeitsdisziplin ist es ratsam, das Home-Office als echtes Büro zu sehen. Gerade Menschen, die es nicht gewohnt sind, daheim zu arbeiten, finden so einfacher in den Arbeitsmodus hinein und lassen sich weniger leicht von den Verlockungen der eigenen Wohnung ablenken. Auch fällt es viel leichter, in der Zukunft wieder in den klassischen Berufsalltag zurückzukehren und die Jogginghose zurückzulassen, wenn die nicht in den Wochen davor durchgehend das einzige Kleidungsstück war.

Und es gibt noch einen weiteren, wesentlichen Vorteil für den besonderen Dresscode im Home-Office. Wer tagsüber Arbeitsklamotten trägt — wie auch immer die genau aussehen — kann sich nach Feierabend umziehen und damit Körper und Geist signalisieren: Jetzt ist Schluss für heute, meine Arbeit ist beendet. Gerade im Home-Office kann es leicht passieren, dass liegengebliebene Arbeit mit auf die Couch oder sogar ins Bett umzieht. Sich umzuziehen kann als Ritual etabliert werden, um den Arbeitstag ganz offiziell zu beenden.

Es muss sich gut anfühlen

Schlussendlich ist es aber auch wichtig, auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu hören: Wer es nicht einsieht, sich in den eigenen vier Wänden in Schale zu werfen, wenn das einzige Meeting des Tages mit zwei vertrauten Kollegen kaum länger als eine Viertelstunde dauern wird, sollte das im Team kommunizieren. Die Chancen stehen gut, dass man intern einen gemeinsamen Kompromiss für den akzeptierten Dresscode findet, der allen Mitarbeitern recht und angenehm ist.

Wer im Gegenteil das Gefühl hat, für die Videokonferenzen gezwungenermaßen in ein Kostüm gesteckt zu werden oder sich lange Gedanken für ein passendes Outfit macht, der fühlt sich auch weniger wohl. Hier sind Arbeitgeber gefordert, empathisch auf ihre Angestellten zuzugehen und kompromissbereit zu sein. Denn was der Moral schadet, tut am Ende des Tages auch der Arbeit nicht gut.

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