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Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden Kinder in Europa ganz normal in die Pflege von kranken und sterbenden Familienangehörigen einbezogen. Das Gleiche galt für Begräbnis- und Trauerzeremonien. Das Ganze war ein gesellschaftlicher Konsens, dessen Bedeutung erst im Laufe der letzten Jahre besonders klar wurde.

Das änderte sich dramatisch, als Sigmund Freud behauptete, Kinder würden gar nicht über Tod und Sterben nachdenken. Frühe Generationen von Psychoanalytikern und Psychiatern schlossen sich dieser Auffassung an, ohne sie groß zu hinterfragen. Das hatte zur Folge, dass Medizinern noch bis in die 70er Jahre explizit gelehrt wurde, nicht mit Kindern über das Sterben zu sprechen.

Erst renommierte Mediziner der Gegenwart wie der Kinderonkologe und ehemalige ärztliche Direktor der Tübinger Kinderklinik Dietrich Niethammer bemängelten dies öffentlich und lösten ein Umdenken aus.

Kinder verstehen Verheimlichen als Vertrauensverlust

Viele Kinder erfassen den Tod als einen endgültigen und unabwendbaren Zustand erst im Alter von etwa neun bis zehn Jahren. Nach Niethammer haben Kinder jedoch schon in ganz jungen Jahren ein ausgeprägtes Gefühl für Situationen, in denen bei Erwachsenen Stimmung und Verhalten nicht zueinander passen. Kinder orientieren sich dahingehend naturgemäß am Verhalten der Eltern. Wenn Dinge wie Krankheiten, der nahe Tod von Oma oder der Selbstmord von Papa verheimlicht werden, interpretieren viele Kinder das als einen übergroßen Vertrauensverlust ihnen gegenüber.

Das kann unter Umständen auch Schuldgefühle im Kind auslösen. Daraus entsteht eine doppelte Belastung, weil nicht mehr nur die Trauer, sondern auch eine mitunter nicht verstandene Schuld das Kind vor eine Herausforderung stellt, die es ohne Hilfe nicht bewältigen kann.

Mittlerweile ist allgemein anerkannt, dass Kinder sehr wohl trauern und bewusst über Tod und Sterben nachdenken. Allerdings geschieht dies in einer meist ganz anderen Intensität und Dynamik, als man es von Erwachsenen kennt. Eltern sollten die Trauer ihrer Kinder zulassen, aber dafür Sorge tragen, dass sie nicht ausufert oder zu dauerhaften Schäden führt.

Warum Trauer von Kindern oft unberechenbar ist

Kinder und Erwachsene trauern mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Das lässt sich auf drei Ebenen verdeutlichen.

1: Sprache: Dem Kind fehlen oft noch die richtigen Worte oder Ausdrucksmöglichkeiten, um verständlich zu machen, was gerade in ihm vorgeht.

2: Erfahrung: In der Regel hat ein Kind in unseren Breitengraden noch wenig bis keine Erfahrungen im Erleben und Verarbeiten vom Tod.

3: Gefühle steuern: Daraus ergibt sich häufig, dass Kinder nicht in der Lage sind, die starken Gefühle im Zusammenhang mit Trauer zu kompensieren. Sie wissen einfach nicht, wohin mit ihren Emotionen.

Etwa beim Tod eines Elternteils, verstehen Experten das Verhalten von Kindern nicht mehr nur als „zweckmäßig“, sondern als evolutionär notwendig. Das bedeutet nicht, dass Kinder grundsätzlich ganz gegensätzlich zu Erwachsenen trauern. Nicht selten tauchen bei Kindern wie Erwachsenen körperliche Beschwerden im Zusammenhang mit persönlicher Trauer auf.

Problematisch kann es werden, wenn kindertypische Verhaltensweisen von Erwachsenen/Eltern falsch interpretiert werden. Gerade wenn es um Trauer geht, ist das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) eine nicht selten gestellte Fehldiagnose bei Kindern.

Trauerschübe und Trauerzeit

Ebenfalls typisch für Kinder ist ein Trauerprozess, der weder durchgehend noch in gleichmäßiger Intensität auftritt. Die drei zuvor genannten Voraussetzungen sind häufig der Grund hierfür. Wie sehr, ist abhängig vom geistigen und emotionalen Entwicklungsstand des Kindes in Relation zu Alter, familiärem Umfeld und gegebenenfalls ihrer Glaubensrichtung.

Es kann passieren, dass Kinder ganz unvermittelt und mit voller Wucht Gefühle wie Wut, Angst, Verzweiflung oder Aggression ausleben, weil ihnen die Erfahrung fehlt, diese Emotionen steuern zu können. Umgekehrt sind Berichte von Eltern typisch, die nicht damit umgehen können, wenn Kinder auf das Ableben eines nahestehenden Menschen mit scheinbarer Gleichgültigkeit reagieren. Dahinter steckt kein „Theater“, keine Show, sondern der Versuch, zu verdrängen, was nicht verarbeitet werden kann.

Darüber hinaus entwickeln Kinder ein eigenes Tempo für ihre Trauer. Sie verstehen oft nicht, warum Erwachsene ihnen dieses Timing nicht zugestehen wollen und ihnen dahingehend Vorgaben machen. Ein solches elterliches Verhalten bestärkt Kinder nur in dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, was dazu führen kann, dass sie sich abschotten.

Übrigens: Nicht nur, auch Jugendliche können Probleme haben, mit ihrer Trauer richtig umzugehen. Manche erfahren einen persönlichen Verlust erst später im Leben.

Hinsichtlich der Trauerdauer sind sich die meisten Experten relativ einig. Aus Erwachsenensicht extremes Verhalten bei Kindern, beispielsweise Schübe von emotionalen Ausbrüchen oder eine ausgeprägte über Tage anhaltende Trägheit, können sich über ein halbes Jahr hinziehen. Diese Zeit sollte man Kindern auf jeden Fall geben. Erst wenn sich ein ganzes Jahr oder länger keine Besserung zeigt, steigt das Risiko, dass aus der offenbar unbewältigten Trauer psychische Veränderungen bis zu ernsthaften psychischen Erkrankungen erfolgen können. Dieser zeitliche Rahmen gilt im Übrigen genauso für das Verarbeiten eines Verlustes beim Erwachsenen. Das bedeutet allerdings nicht, dass manche Menschen nicht ein Leben lang unter einem persönlichen Verlust leiden. Dennoch sollte auch bei Erwachsenen nach spätestens einem Jahr therapeutischen Hilfe in Betracht gezogen werden.

Verständnis ist ein guter Anfang

Wenn ein Partner oder andere nahe Verwandte sterben, sind Eltern oft doppelt belastet. Denn sie müssen auch ihre eigene Trauer erleben und bewältigen. Gleichzeitig aber müssen sie Kindern ihre eigene Art der Trauer erlauben. Denn es gibt Gründe, warum sich Kinder in der Trauer anders als Erwachsene verhalten. Sie können sich nicht „einfach mal zusammenreißen“, weil sie den Grund dafür nicht verstehen. Vielleicht erleben sie den Verlust wieder und wieder, weil sie immer wieder damit rechnen, dass Papa, Opa oder Oma wiederkommen. Vielleicht jeden Morgen.

Kindern dabei helfen ist wichtig. Sich selbst dabei auch helfen zu lassen, kann Trauer in einer Familie erheblich erleichtern. Es ist keine Schande und kein Indiz für elterliche Defizite, sich Rat von Psychologen, Trauerberatern oder Freunden und Verwandten einzuholen, um das Kind in seiner Trauer zu unterstützen. Im Gegenteil.


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