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Die Frage, ob Tiere trauern, ist viel diskutiert. Lange haben Forscher davor gewarnt, tierisches und menschliches Verhalten zu vergleichen. Aber zahlreiche Beobachtungen in der freien Natur lassen darauf schließen, dass viele Tiere ein bewegtes Innenleben haben und auf ihre Weise durchaus Trauerarbeit vollziehen.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Bild eines Naturfotografen die Runde, auf dem ein Känguru zu sehen war, das einen toten Artgenossen in seinen Armen hielt. Für den Fotografen und die meisten Betrachter war die Situation eindeutig: Das Känguru trauerte um einen engen Verwandten und wollte sich nicht von dessen sterblichen Überresten trennen. Es verging nicht viel Zeit, bevor sich Wissenschaftler meldeten, die etwas ganz anderes und viel weniger Rührseliges in dem Bild sahen: Die Körpersprache des Kängurus weise vielmehr auf aggressive Paarungswilligkeit, als auf Trauer hin. Es sei gut möglich, dass das eine Tier das andere beim Begattungsversuch umgebracht hatte, dessen Tod gar nicht registriert hat und einfach weitermachen wollte.

Dieses Beispiel zeigt, wie sehr wir Menschen uns immer noch uneinig darüber sind, wie die Gefühlswelt der Tiere aussieht. Einerseits beobachten schon Kinder Emotionen bei Tieren, mit denen sie spielen: Der Hund freut sich, das Reh ist schüchtern, der Hamster will kuscheln. Haustierbesitzer haben eine tiefe Bindung zu ihren Lieblingen und würden niemals bei der Frage zögern, ob ihr Tier in der Lage sei, Gefühle wie Vorfreude oder Trauer zu empfinden.

Andererseits werten viele Naturwissenschaftler so etwas als „naiven Anthropomorphismus“ ab. Sie weisen darauf hin, dass wir nicht in die Falle tappen sollten, unsere ersten Eindrücke von Tieren mit unseren persönlichen Gefühlen zu vergleichen und sie so zu vermenschlichen. Das ist auch oft sinnvoll. Delfine beispielsweise sind ja nicht ständig glücklich, nur weil sie für uns immer aussehen, als ob sie lächeln.

Ist es also falsch, unsere Gefühlsregungen und Verhaltensweisen mit denen der Tiere zu vergleichen? Nein, sagen neuerdings viele Forscher, die sich intensiv mit Tieren in der Wildnis beschäftigt haben. Vielmehr müssen wir akzeptieren lernen, dass wir nicht die einzige Spezies sind, die ein geistiges Innenleben hat und zu komplexen Gefühlen wie Trauer und Verlust in der Lage ist. Schließlich stammen wir selbst von tierischen Vorfahren ab und tragen deren grundlegendste Instinkte immer noch in uns.

Welche Tiere trauern und welche nicht?

Stirbt eine Ameise, wird ihr Körper vom Rest des Volkes ignoriert. Erst wenn sie die Verwesung riechen, entsorgen andere Ameisen den Leichnam ohne großes Aufsehen. Bisher hat niemand etwas beim Verhalten dieser Insekten festgestellt, was auf tieferes Leid schließen lassen könnte. Zwar können wir nicht in einen Ameisenkopf hineinschauen, aber wir können relativ sicher sagen, dass diese Tiere keine Trauer zeigen, wie wir sie kennen. Ganz anders sieht es da bei vielen Wirbeltieren aus.

Auch Affen kennen Depressionen

Beobachter unserer engsten Verwandten, den Primaten, berichten regelmäßig von trauernden Tieren in den Gruppen. Die Affenforscherin Jane Goodall erzählt unter anderem von einem Fall in einer tansanischen Gemeinschaft von Schimpansen. Als die Mutter des jungen Affen Flint starb, verlor dieser buchstäblich seinen Lebenswillen. Er hörte auf zu essen und starb kurz darauf an der gleichen Stelle wie seine Mutter.

Trauernde Vierbeiner

Bei vielen anderen Säugetieren haben Forscher Verhaltensweisen festgestellt, die auf Trauer nach dem Tod von Artgenossen schließen lassen. Wölfe heulen herzzerreißend, wenn sie ein Mitglied ihres Rudels verloren haben. Ihre domestizierten Cousins, die Hunde, trauern nicht selten um ihre Besitzer. Hier hängt es von Rasse, Persönlichkeit und Beziehung ab, ob und wie sich das Verhalten des Hundes verändert. Manche Tiere scheinen es zu spüren, wenn ihr Herrchen oder Frauchen einen Verlust erleidet und trösten diese dann mit ihrer Zuneigung. Die emotionale Verbindung kann so stark werden, dass der Besitzer sogar seine letzte Ruhe mit dem geliebten Haustier teilen möchte.

Bestattungen unter Vögeln

Vögel können regelrechte Bestattungsrituale haben. Einmal beobachtete der Evolutionsbiologe Mark Bekoff, wie einige Elstern um ein verstorbenes Gruppenmitglied trauerten. Die Vögel standen zunächst um den Toten herum und tasteten ihn mit ihren Schnäbeln ab. Dann flog eine Elster nach der anderen los, kam mit einem Grashalm zurück und legte diesen neben den Leichnam. Nach einer Weile war die Totenwache beendet und die Vögel flogen weg.

Sensible Elefanten

Zu den Tieren mit den ausgeprägtesten Trauerritualen gehören die Elefanten. Sie kehren an die Stelle des Todesfalls zurück, inspizieren Leichname, nehmen Knochen und Stoßzähne auf und behandeln die sterblichen Überreste anderer Dickhäuter mit viel Respekt. Wenn Forscher Knochen von anderen Tieren oder Fälschungen dazulegen, werden diese von den Elefanten ignoriert. Was die sagenumwobenen Elefantenfriedhöfe angeht, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Viele glauben, die Tiere spüren, dass ihre Zeit gekommen ist und ziehen sich zurück zu einem Ort, an dem sie sterben können. Andere glauben, die gealterten Elefanten finden einfach nur weichere Nahrung an diesen Orten.

Trauer ist Teil der Natur

Trauer ist ein ganz natürlicher Vorgang, der überall im Tierreich zu finden ist. Je größer die emotionale Bindung zu einem anderen Lebewesen, desto größer ist die Umstellung, wenn dieser wichtige Bezugspunkt auf einmal fehlt. Von biologischer Seite betrachtet, hat Trauer evolutionäre Ursachen, die im limbischen System liegen, dem Zentrum für Emotionen. Es ist in allen Säuge- und Wirbeltieren vorhanden. Auch der Hormonhaushalt gerät bei schweren Verlusten aus dem Gleichgewicht, was bei Mensch und Tier zu Verhaltensänderungen führt.

Es lässt sich kaum leugnen, dass viele Tiere starke Emotionen in Bezug auf den Tod haben und ein Trauerverhalten an den Tag legen, dass mit dem unseren vergleichbar ist. Es ist fraglich, ob wir jemals erklären können, was genau in Tieren vorgeht, die einen nahen Artgenossen verloren haben. Aber die artübergreifenden Beobachtungen des Kreislaufes von Leben und Tod zeigen, dass wir Menschen mehr mit der Tierwelt gemeinsam haben, als wir oft denken.

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