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Ein häufiger, aber leider unrealistischer Wunsch junger Eltern ist es, eine „Gebrauchsanweisung“ mit dem Neugeborenen zu bekommen: Wie trifft man als Mutter oder Vater die besten Entscheidungen? Und was ist das Beste für das Kind? Aber trotz unzähliger Bücher und Ratgeber über die „richtige“ Erziehung, muss jeder Elternteil seine Entscheidungen am Ende selber fällen. Welchen Erziehungsstil man dabei wählt – ob bewusst oder unbewusst – hängt von vielen Faktoren ab, die man nicht immer selbst in der Hand hat: Wie wurde man selber aufgezogen und wie hat sich die eigene Persönlichkeit seitdem entwickelt? Welche Methoden liegen derzeit gesellschaftlich im Trend und was sind die Herausforderungen der Zeit?

Erziehung wandelt sich im Laufe der Zeit

Zur Kaiserzeit im 19. Jahrhundert und später im dritten Reich wurde es in Deutschland noch als unverzichtbar angesehen, dass Kinder eine „starke Hand“ brauchen und zur Folgsamkeit und Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten erzogen werden müssen. Selbstentfaltung und individuelle Bedürfnisse von Kindern waren damals noch Fremdworte.

Wie man sich zu verhalten hatte, wurde von oben diktiert – notfalls mit Gewalt – das galt für die erwachsene Bevölkerung und noch viel mehr für Kinder. In der Nachkriegszeit wandelten sich diese Ansichten, körperliche Züchtigungen wurden im Laufe der Jahrzehnte immer mehr als Zeichen geistiger Unzulänglichkeit der Eltern angesehen, verpönt und verboten. Der Höhepunkt dieses Sinneswandels äußerte sich im antiautoritären Erziehungsstil der rebellischen 68er-Generation, die sich dem verhängnisvollen Führerwahn ihrer Eltern entgegensetzte. Kindern wurde hier schon von früh an eigene Entscheidungskraft zugesprochen, ohne sie mit Verboten und Regeln einzuschränken. Das Ziel war es, eigenständige, selbst denkende und kritikfähige Individuen zu erschaffen. Im Laufe der Zeit haben sich diese Ansichten relativiert und der Trend ging zu einer „demokratischen Erziehung“ bei der Eltern versuchen, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder einzugehen, ihnen aber gleichzeitig Regeln und Vorschriften entgegensetzen.

Wenn es um die Form der Erziehung geht, wird heutzutage generell unterschieden, ob der Grad der Autorität eher hoch oder niedrig ist, und wie sehr Wärme und Zuneigung eine Rolle spielen. Daraus leiten sich vier grundsätzliche Erziehungsstile ab.

Autoritärer Erziehungsstil – „Weil ich das so sage!“

Eine autoritäre Erziehung ist dadurch geprägt, dass die Eltern ihren Kindern nachdrückliche Regeln auferlegen, die nicht gebrochen werden dürfen. Bei Nichtbefolgung drohen Strafen wie Hausarrest, erzwungene Tätigkeiten im Haushalt oder körperliche Züchtigung. Dem Kind kann dabei eine eigene Meinung zugesprochen werden, aber am Ende bestimmen immer Mutter, Vater oder der jeweilige Erziehende, was das Kind oder der Jugendliche zu tun oder zu lassen hat. Wenn das Kind diese Entscheidungen hinterfragt, wird dies oft mit Aufmüpfigkeit gleichgesetzt. Nachfragen und Einwände bleiben unbeantwortet oder werden schroff abgewiesen – denn die Autoritäten glauben, es grundsätzlich besser zu wissen.

Verfechter des autoritären Erziehungsstiles sind oft selbst unter strengen Verhältnissen aufgewachsen und kennen meist keine Alternative aus eigener Erfahrung. Klare Anweisungen sind für sie ein Zeichen von Sicherheit, Zuverlässigkeit und Korrektheit, genau wie die Strafmaßnahmen bei Nichtbefolgung. Flexibilität bei der Regelauslegung wird als Charakterschwäche ausgelegt. Ein hohes Maß an Liebe, Zuneigung und Verständnis bei der Erziehung setzen Autoritäre mit unnötigem Verwöhnen gleich. Kinder, die autoritäre Erziehung erfahren, folgen im späteren Leben oft gesellschaftlichen Hierarchien und haben es schwer, ihre individuelle Meinung zu äußern, da diese schon früh unterdrückt wurde. Und wenn Vorschriften mit Gewalt statt mit Argumenten durchgesetzt werden, führt dies nicht selten zu hoher Aggressivität in der Kindesentwicklung.

Permissiver Erziehungsstil – „Na gut, aber mach das nicht nochmal.“

Dem autoritären Stil steht die permissive oder verwöhnende Erziehung entgegen. Sie setzt nicht auf Bestrafung, sondern auf „Laissez-faire“. Den Kindern werden nur wenige Regeln auferlegt und wenn sie sich nicht benehmen, folgen auf vorherige Strafandrohungen nur selten echte Konsequenzen. Dem Bitten und Betteln des Kindes geben diese Eltern oft nach, sei es aus echter Zuneigung oder weil es so einfacher ist, das Kind zufrieden – und damit ruhig – zu stellen.

Permissive Eltern wollen fürsorgliche Eltern sein und keine Kontrollinstanzen. Sie wollen das Vertrauen ihrer Kinder gewinnen und haben Angst dieses zu verlieren, wenn sie zu streng sind. Daraus können unter anderem die Nachteile folgen, dass das Kind sich in der Öffentlichkeit nicht zu benehmen weiß und Probleme hat, Autoritäten anzuerkennen. Auch schulische Leistungen können leiden, wenn das Kind zu Hause keinen Druck erfährt und eingeredet bekommt, es sei klug und talentiert, unabhängig von schlechten Zeugnisnoten. Zu gesundheitlichen Problemen kann es kommen, wenn das Kind bei Naschkram keinen Riegel vorgeschoben bekommt, den Wünschen nach Pommes und Schokolade regelmäßig nachgegeben wird und die Eltern dabei gesunde Ernährung vernachlässigen.

Autoritativer Erziehungsstil – „Ich hoffe, Du hast das jetzt verstanden.“

Autoritative Erziehung versucht ein Gleichgewicht zwischen deutlicher Autorität und warmer Zuneigung zu finden. Diese Eltern möchten ein gutes Verhältnis mit ihren Kindern haben, wollen verstehen, was in ihrem Inneren vorgeht und auf die individuellen Eigenheiten eingehen aber gleichzeitig klarstellen, dass sie das letzte Wort haben. Es gibt Regeln und auch Konsequenzen, wenn diese gebrochen werden, gleichzeitig gibt es Belohnungen für gutes Verhalten und Leistungen. Den Kindern wird die faire Chance gegeben ihren Standpunkt zu erklären und auf der anderen Seite versuchen Mutter und Vater ihre Regeln logisch zu erklären.

Die autoritative Methode gilt heutzutage als vorbildlich und zeitgemäß. Kinder sollen dadurch zu eigenständigen Personen werden, die sich frei entfalten können und gleichzeitig ihre Grenzen kennen. Dieser Erziehungsstil wurde auch schon mit gesenkten Depressionsraten bei Jugendlichen in Verbindung gebracht. Wer sein Kind autoritativ erzieht, tut dies in der Regel bewusst und arbeitet an sich selbst, da diese Methode intelligente Kommunikation und Selbstreflexion erfordert. Es ist nicht einfach, dies durchzuhalten, ohne dabei zu autoritär oder zu verwöhnend zu werden. Gleichzeitig ist es Voraussetzung, hierfür viel Zeit mit dem Kind zu verbringen, weswegen diese Methode als am schwierigsten zu realisieren gilt.

Vernachlässigender Erziehungsstil – „Da kann ich mich jetzt nicht drum kümmern.“

Vernachlässigende Erziehung kann eigentlich kaum als Stil oder Methode bezeichnet werden. Hierbei widmen Eltern der Erziehung wenig oder gar keine Zeit und Mühe – weil sie es nicht können oder nicht wollen. Das Kind erfährt hier weder Regeln noch Liebe oder Zuwendung und wird hauptsächlich sich selbst überlassen. Haben die anderen Methoden wenigstens noch einseitige Vorteile, ist Vernachlässigung sicherlich die schlechteste Erziehung.

Eltern, die ihre Kinder regelmäßig vernachlässigen sind meist Opfer von Suchtproblemen oder geistig eingeschränkt und brauchen selbst Hilfe. Kinder, die unter Vernachlässigung leiden, haben in ihrer Entwicklung Probleme mit dem Selbstbewusstsein, bringen keine Leistung in der Schule, haben mit Verhaltensproblemen zu kämpfen und Schwierigkeiten mit sozialen Bindungen.

Was ist die richtige Erziehungsmethode?

Grundsätzlich herrscht Einigkeit darüber, dass jedes Kind Liebe und Zuwendung benötigt, aber auch lernen muss, vernünftige Regeln zu befolgen. Um hier ein Gleichgewicht zu finden, müssen sich die Eltern Zeit in ihrem Alltag nehmen. Die größte Liebe nützt nichts, wenn man sein Kind aus Karrieregründen kaum zu Gesicht bekommt. Andererseits können aus Sohn und Tochter niemals eigenständige Personen werden, wenn sie noch als Jugendliche rund um die Uhr bemuttert und überwacht werden.

Jedes Kind und jedes Elternteil ist einzigartig. Es kann kein allgemeingültiges Regelwerk geben, das immer und überall zutrifft. Die einzelnen Methoden sind Verallgemeinerungen und verschiedene Situationen erfordern verschiedene Maßnahmen. Deshalb ist es auch nicht schlimm, wenn man sich mal in einer Schublade wiederfindet, in der man absolut nicht stecken möchte. Das Wichtigste ist es, nicht zu verzweifeln und jeden Tag neu dazuzulernen.

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