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In einer kalten Halle hängen Menschenkörper mit dem Kopf nach unten in metallenen Kanistern. Sie sind getaucht in flüssigen Stickstoff. In ihren Venen ist kein Blut, sondern Frostschutzmittel. Ab und zu schaut mal ein Techniker vorbei und überprüft die Temperatur, aber ansonsten passiert hier nichts, womöglich für Jahrhunderte.

Viele Science-Fiction-Bücher und Filme erzählen von der Technik des Kryoschlafes. Menschen werden dabei über längere Zeit eingefroren, um dann – etwa nach einer langen Raumfahrt – wie nach einem langen Nickerchen wieder bei gesundem Bewusstsein zu sein. Kryoschlaf ist aber keine reine Fantasie, sondern eine echte Methode, die Menschen seit Jahrzehnten in Anspruch nehmen, um eine Chance auf ein neues Leben in der Zukunft zu haben. In vollem Bewusstsein, dass der Teil mit dem Aufwachen immer noch Science-Fiction ist.

Bekannt wurde die Idee des Kryoschlafes, beziehungsweise Kryokonservierung erstmals 1962 durch das Buch „The Prospect Of Immortality“ (Die Aussicht auf Unsterblichkeit) von Robert Ettinger. Darin wurde ein theoretisches Grundwerk vorgelegt, das erläutert, wie man Menschen buchstäblich auf Eis legen kann, um sie über lange Zeit zu konservieren. Irgendwann, vielleicht erst in Jahrhunderten, hätte man die Möglichkeiten, sie aufzutauen, zu verjüngen und wiederzubeleben. In den aufgeschlossenen 60er Jahren fand die Idee großen Anklang bei Forschern und intellektuellen Futuristen. 1976 gründete Ettinger  das Cryonics Institute (CI) in Detroit. Hier werden seitdem Verstorbene per Kryotechnik eingefroren.

Wie funktioniert der Kryoschlaf?

Menschen, die sich post mortem künstlich einfrieren lassen wollen, müssen dafür sorgen, dass sie möglichst schnell nach ihrem Tod kaltgestellt werden. Dem Kopf wird dabei oberste Priorität zugeschrieben. Idealerweise wird der Verstorbene also direkt nach seinem Tod mit Eiswürfeln bedeckt. Noch besser ist es, wenn er noch kurz vor dem Ableben Injektionen mit Membranstabilisatoren, Gerinnungshemmern und Radikalfängern erhalten hat.

Damit keine Verwesung einsetzt, muss das Blut, dass sich bald nach dem Tod in toxische Bestandteile zersetzt, den Körper verlassen und durch Frostschutzmittel ersetzt werden. Nach weiteren Infusionen von Mineralmixturen wird die Körpertemperatur weiter heruntergefahren, erst mit Trockeneis und dann mit flüssigem Stickstoff. Gelagert werden die Körper bei Temperaturen von unter -130 Grad Celsius – kopfüber, damit bei eventuellen Stickstoff-Engpässen erst die Füße und zuletzt der Kopf wieder auftauen.

Probleme und Herausforderungen

Wer sich in den Kryoschlaf begeben will, muss sich bewusst sein, dass seine Chancen, irgendwann wieder zum Leben erweckt zu werden, sehr gering sind. Ein erstes praktisches Problem entsteht beim Zeitpunkt des Todes, den niemand genau vorhersehen kann. Sobald das Herz aufgehört hat zu schlagen und das Gehirn seine Arbeit eingestellt hat, läuft die Zeit für die Kryotechniker und Balsamierer, so schnell wie möglich mit dem Einfrierungsprozess zu beginnen. Ansonsten setzt die Verwesung ein und zerstört Zellen, Organe und vor allem Neuronen im Gehirn.

Das Kryoinstitut Alcor gibt zu, dass über 50 Prozent ihrer Kunden versterben, bevor ein Einsatzteam rechtzeitig eintreffen kann. Manche Kryoniker tragen deshalb eine Funkuhr am Körper, die sofort Alarm schlägt, wenn sie einen Herzstillstand registriert. All das ist gesetzt den Fall, dass ein natürlicher Tod eintritt, bei dem der Körper kaum beschädigt wird und keiner Autopsie unterzogen werden muss.

Aber auch ein schnelles Einfrieren ist keine Garantie für ein Leben nach dem Tod. Das größte physikalische Problem beim Kryoschlaf ist der Gefrierbrand. Genau wie bei tiefgekühlten Lebensmitteln die nach langer Zeit aufgetaut werden und anstatt frisch ganz matschig sind, bilden sich auch in kaltgestellten Menschenkörpern Eiskristalle. Diese dehnen sich aus und zerstören Zellen und Gewebe. Deshalb setzen Kryoniker inzwischen auf die Technik der Vitrifizierung, bei der organische Flüssigkeiten durch chemische Zusätze eine höhere Viskosität erhalten, also immer zähflüssiger werden. Die Organe verglasen dann beim Einfrierprozess, anstatt zu kristallisieren. Allerdings kann niemand einem eine Garantie geben, dass auch wirklich alle wichtigen Zellen unbeschadet bleiben. Aber die Hoffnung, dass in der Zukunft alte und beschädigte Zellen problemlos wieder verjüngt und repariert werden können, ist der Hauptantrieb der Kryoniker.

Dann ist da noch das Problem des Todes. Die Eingefrorenen warten auf eine Zukunft, in der es ein Mittel gegen den Tod gibt. Sie hoffen auch auf Zellverjüngung, sodass sie frisch und frei von allen vorherigen Krankheiten ein neues Leben beginnen können.

Was kostet die Kältekonservierung?

Neben den physischen Problemen gibt es auch bürokratische Hürden zu überwinden. In Deutschland beispielsweise ist eine „Beisetzung“ auf Eis nicht gestattet. Wer sich dennoch einfrieren lassen will, muss dafür sorgen, dass sein Körper in die USA oder nach Russland überführt wird – dort, wo es entsprechende legale Einrichtungen gibt. Der Kostenfaktor ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Angebote für eine Ganzkörpereinfrierung schwanken von 30.000 Euro im originalen Cryonics Institute bis zu 200.000 bei Alcor in Arizona. Wer nur seinen Kopf präservieren möchte, kann dies auch tun. Der russische Anbieter KrioRus bietet diese sogenannte Neuropräservation für günstige 18.000 US-Dollar an.

Eiskalte Optimisten

Der wohl bekannteste deutsche Kryoniker ist der Altersforscher Klaus Sames. Er plant schon lange, sich nach seinem Tod per Vitrifizierung in flüssigem Stickstoff präservieren zu lassen. Dafür soll sein Leichnam hierzulande eingefroren und auf dem schnellsten Wege nach Detroit verfrachtet werden, wo er auf unbekannte Zeit eingelagert wird. Sames ist optimistisch für die Zukunft, insbesondere was den Fortschritt bei der Zellverjüngung angeht, und freut sich schon jetzt auf sein neues Leben.

Unter denen, die von der Kryonik profitieren wollen, sind aber nicht nur alte Menschen, die ihr ohnehin schon langes Leben verlängern wollen. 1976 kam die Tochter des amerikanischen Autors und Futuristen Robert Anton Wilson mit 15 Jahren bei einem Überfall ums Leben. Ihre Eltern haben daraufhin beschlossen, ihren Kopf einfrieren zu lassen, um die Hoffnung auf ein neues Leben nicht sterben zu lassen. 2016 forderte ein Mädchen von einem britischen Gericht das Recht ein, sich einfrieren zu lassen. Die 14-Jährige war an Krebs erkrankt und setzte alles auf die Forschung der Zukunft. Das Gericht kam ihrer Forderung nach. Kurz nach dem Urteilsspruch verstarb das Mädchen und wurde in den USA konserviert.

Der Tod bleibt die große Unbekannte

Wer sich einfrieren lässt, muss nicht nur Optimist sein, was die Zukunft der biologischen Forschung und Wissenschaft angeht. Ein Kryoniker sollte auch davon überzeugt sein, dass unser Bewusstsein etwas rein Materielles ist, das nur aufgrund verflochtener Neuronen existiert. Ein Glaube an eine Wiedergeburt, an einen ewigen Gott oder an die Existenz einer unsterblichen Seele muss für die Dauer der Präservation auf Eis gelegt werden. Kryo-Enthusiasten verweisen Zweifler gerne auf Menschen, die für kurze Zeit klinisch tot waren und dann wiederbelebt wurden. Aber sie ignorieren oft die Nahtodberichte, die davon erzählen, wie der Körper verlassen wird und vor allem die allumfassende Akzeptanz, die viele dieser Leute erfahren haben, als es so weit war.

Aber trotz aller Skepsis bezüglich des Kryoschlafes ist es nach wie vor möglich, dass Alterungsprozess und Tod vielleicht doch nur Krankheiten sind, die verlangsamt oder sogar umgekehrt werden können. Wer seinen Körper einfrieren lässt, handelt nicht nur egoistisch. Er oder sie kann für zukünftige Generationen womöglich ein Pionier sein, ein lebender Beweis dafür, dass der Tod überwindbar ist und dass es Hoffnung gibt für den Traum der Unsterblichkeit.

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