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Gestorben wird immer – darüber zu sprechen oder gar zu schreiben war aber nicht zu jeder Zeit ein salonfähiges Thema. Dabei zeigt der Blick zurück, dass sich unsere Kultur von Anfang an mit dem Sterben auseinandersetzt. Tod und Verlust gehören eben zum Leben dazu, auch wenn wir das manchmal lieber verdrängen.

 

Gerade in der Literatur haben sich zahlreiche Autoren und Autorinnen an dem Motiv des Todes geradezu abgearbeitet. Kaum ein anderes Motiv wurde literarisch so oft variiert, emotional aufgeladen und stilisiert. Ebenso wie sich die Literatur der Darstellung des Sterbens und der Verschriftlichung von Trauer annimmt, lässt uns ein genauer Blick auf diese Texte Rückschlüsse auf die entsprechende Epoche und deren Umgang mit dem Tod ziehen.

Was steckt also dahinter, wenn Autoren wie Goethe, Edgar Allan Poe oder Thomas Mann über den Prozess des Sterbens schreiben? Wie verarbeiten sie Verlusterfahrungen und Trauer? Und was sagt uns das letztlich über uns und unseren eigenen Umgang mit dem Tod?

Der bekannteste Selbstmord der deutschen Literaturgeschichte?

Der berühmteste Selbstmord der deutschen Literaturgeschichte stammt von keinem geringeren als Goethe. Er schrieb im Jahr 1774 mit den “Leiden des jungen Werther” Geschichte. Davor verstand sich die mittelalterliche und barocke Dichtung noch ganz im Zeichen religiöser Jenseitsvertröstungen: Der Tod war ein notwendiger Bestandteil des Lebens und wurde nicht als Schrecken verteufelt. Mit der Aufklärung zog ein neuer Zeitgeist auch in der Literatur ein.

Profanisiert und auf sich selbst zurückgeworfen, behandelt Goethe mit der Figur des Werthers ein Individuum, das an der Gesellschaft und der eigenen überhöhten Selbsteinschätzung scheitert. Seine erfolglose Identitätssuche und tragische Liebesbeziehung zu Lotte enden für Werther letztlich in der Wahl des Freitods. Ein Skandal zu Goethes Zeiten, der nicht nur Theologen und Zensoren auf die Barrikaden rief, sondern auch teilweise im Verkaufsverbot des Romans gipfelte.

Dennoch, das “Werther-Fieber” griff um sich und zog nicht wenige Nachahmer auf den Plan, sodass tatsächlich die Anzahl der Selbstmorde unter den Werther-Lesern rasant anstieg. Was war geschehen?

Tabuthemen in der literarischen Romantik

Man könnte sagen, dass Goethe wohl den Zahn der Zeit getroffen hatte: Mit dem Werther verarbeitete Goethe nicht nur eigene Erlebnisse und den Selbstmord eines Freundes, sondern sprach seine Leser auch unmittelbar durch die Briefform des Romans an.

Da keine moralische Wertung der Handlung vom Autor vorgenommen wird, muss der Leser sein eigenes Urteil über das Geschehen – und auch den Freitod Werthers – fällen. Die autobiographischen Elemente, die subjektive Form des Romans und nicht zuletzt die Identitätssuche Werthers spiegeln den aufkommenden modernen Zeitgeist des 18. Jahrhunderts wieder, der literarisch nicht mehr durch einen Heldentod oder ein gottgegebenes Schicksal auszudrücken ist.

Angestoßen davon, war es die literarische Romantik, die sich bislang tabuisierten Themen wie Krankheit, Wahnsinn und Tod ganz verschrieb. War der Tod Werthers noch als skandalöse Rebellion oder völlige Selbstaufgabe etwas vorher nie Dagewesenes in der Literatur, machten sich Autoren wie Edgar Allan Poe im 19. Jahrhundert Schrecken, Melancholie und Trauer zum Programm. Der Tod als Stilmittel?

Der Horror-Story-Meister und seine Kurzgeschichten

In Poes theoretischen Überlegungen, was gute Literatur ausmacht, liest man folgende Stellen: “Der Tod einer schönen Frau ist also fraglos der dichterischste Gegenstand auf Erden – und ebenso zweifellos ist der geeignetste Mund für einen solchen Gegenstand, der eines Liebenden, der die Geliebte durch den Tod verlor.”

Tod und Trauer werden von Poe als eine Art Effekt genutzt. Es geht um möglichst große Emotionen, die den Leser packen und mitleiden lassen sollen. In zahlreichen Kurzgeschichten Poes findet sich der Tod einer schönen Frau als Metapher wieder, ebenso wie die Schreckensvorstellung, lebendig begraben zu sein.

Poes Figuren laufen teils machtlos in ihr Unglück hinein oder beschwören dieses selbst hinauf. Einerseits geht es darum, den Leser das Gruseln zu lehren. Nicht umsonst gilt Poe als Meister der Horror-Story. Wahn, Verlust und andere Schicksalsschläge werden als Elemente des Grauens eingesetzt, der Tod als schauriges Bild ästhetisiert.

Andererseits erkundet Poe als Schriftsteller die Abgründe der menschlichen Seele, lange bevor Freuds Psychoanalyse sich dem Phänomen des Todestriebs annimmt. Als außenstehender Künstler beobachtet und verschriftlicht Poe so die Doppelmoral und Schattenseiten einer Gesellschaft, die sich zum Umbruch in die Moderne befindet.

Thomas Mann, seine Werke und der Tod

Eben jene Moderne wird das Sterben gesellschaftsfähig machen und dabei in allen Facetten der Literatur ausbuchstabieren. Der große Zeitroman zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Thomas Manns “Der Zauberberg”, präsentiert uns eine ganze Gesellschaftsschicht, die sich zum Sterben ins Sanatorium begeben hat.

Krankheit und Tod gehören zu den wesentlichen Elementen des Romans, das Sterben beherrscht die Tagesordnung und Gespräche der Figuren. Schließlich lässt Mann seine Hauptfigur Hans Castorp, der den Aufenthalt auf dem Zauberberg zwar überlebt hat, in den Wirren des Ersten Weltkriegs, dem “Weltfest des Todes” wie es im Roman heißt, verschwinden.

Die dekadente Gesellschaft der Vorkriegszeit ist für Thomas Mann zum Untergang verurteilt, erst wenn alles Althergebrachte ausgestorben ist, kann die Zeit für etwas Neues anbrechen. Sterben und Tod lassen sich im Zauberberg also parabelhaft für die Epoche und das Zeitempfinden des Autors verstehen.

Das Leben, unsere Vorstellungen, Ideale und Ideen sind wie ein Zyklus, der vom fortwährenden Untergang und Neubeginn erhalten wird.

Tod und Sterben Teil der Literatur: Ein Teil unseres Lebens

Tod und Sterben gehören zu unserem Leben, dem sich auch die Literatur in allen Details verpflichtet. Das Ausbuchstabieren des großen Rätsels vom Ende des Lebens fällt dabei so unterschiedlich aus, wie die Moden der Autoren und Autorinnen, die sich dem Thema annehmen. Letztlich kann uns die literarische Verarbeitung jedoch zeigen, zu welcher Zeit wir als Gesellschaft wie mit Tod und Trauer umgehen. Literatur lässt uns hinter die Oberfläche blicken und hält uns so im historischen Kontext nicht selten den Spiegel vor.

Literatur wird hier unmittelbare Verarbeitung des biographisch Erlebten, schonungslos und nah sowohl für den Leser wie auch die Autoren.

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