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Der amerikanischen Trauertherapeutin und Autorin Megan Devine zufolge ist unsere neuzeitliche Trauerkultur besonders von Ausblenden und Unterdrücken geprägt. Das war in unseren Breitengraden noch bis in die Industrialisierung hinein anders. Im 19. Jahrhundert begann man zuerst damit, Kinder langsam vom Tod eigener Angehöriger zu entfernen. Frühe Generationen von Psychoanalytikern und Psychiatern um Sigmund Freud behaupteten sogar, Kinder würden gar nicht erst über Tod und Sterben nachdenken. Bis in die 70er hinein wurde von den meisten Medizinern gemahnt, mit Kindern nicht über das Sterben zu reden. Zu diesem Zeitpunkt war Trauer allerdings schon sehr vielen Konventionen unterworfen und im Wesentlichen nur noch etwas, das einem in den Todesanzeigen der Tageszeitung begegnete.

Dabei liegt der Sinn der Trauer ebenfalls nach Devine in ihrer eigenen Überwindung. Die Beschäftigung mit dem Tod ist zutiefst sinnstiftend für den Menschen. Begräbnisrituale stehen ganz am Beginn von Kultur und Gesellschaft. Erst daraus erwuchsen Fragen wie „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“.

Unter diesem Gesichtspunkt scheint es nachvollziehbar, dass überwiegend säkulare Gesellschaften wie unsere den Tod umso mehr fürchten, weil er keinen Sinn mehr ergibt – außer der wenig konstruktiven Feststellung, dass der Mensch nicht ewig lebt. Und jetzt kommt auch noch eine Pandemie hinzu.

Die Pandemie rückt den Tod ins Scheinwerferlicht

Corona betrifft uns alle gleichzeitig und in einem ähnlichen Maße. Der Tod ist über Monate das Thema Nummer Eins in vielen Nachrichtensendungen in Print, im Rundfunk, im Internet und in Social Media. Man kann sich diesen Geschichten nicht mehr entziehen. Jeder kennt Bilder und Geschichten von Corona Opfern und Trauer nimmt unter den besonderen Umständen einer Pandemie eine große Rolle darin ein. Beispiele:

Der Vater stirbt während der ersten Hochphase der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr. Nur acht Trauergäste dürfen an der Beisetzung teilnehmen. An ein anschließendes Treffen in einem Café ist nicht zu denken. Das erwachsene Kind sitzt dann da alleine mit der Witwe und stellt fest, was gerade jetzt besonders fehlt: Nähe, Umarmungen, gemeinsames Weinen, Erinnerungen oder einfach nur die unausgesprochene Botschaft, dass man da ist.

Wer erinnert sich nicht an einen alten Mann aus dem Fernsehen, der während einer Demonstration gegen Kontaktbeschränkungen im Sommer in die Kameras schluchzte? Er dürfte seine Frau im Pflegeheim seit Monaten nicht mehr sehen, obwohl sie schwer krank sei und jeden Tag sterben könne, sagte er – kurz bevor ein unbeteiligter und jüngerer Mann ihn abrupt unterbrach und in die Kamera etwas von „Lügenpresse“ und „er solle endlich aufwachen“ schimpfte.

Frust macht sich in diesem Kontext schnell breit. „Trotzdem habe ich mich sehr über die Lockerungen geärgert. Warum wurden Einkaufszentren wieder geöffnet, während wir entscheiden mussten, welche 15 Personen an der Beerdigung teilnehmen durften? Warum haben Beerdigungen keinen höheren Stellenwert als Konsum?“, fragt Alexandra, 29, die zusammen mit ihrer Mutter den krebskranken Vater ohne professionelle Hilfe in den Tod pflegte, weil niemand kommen durfte.

Jeder von uns hat auch Bilder von Pflegern und Ärzten gesehen, die zum Teil trotz jahrzehntelanger beruflicher und mentaler Erfahrung im Angesicht der vielen Corona-Toten kurz vor der physischen und psychischen Erschöpfung standen.

Trauer und Tod kehren in den Alltag zurück

Trauer und Digitalisierung, das Thema an sich ist nicht neu, aber es ist eine neue Perspektive hinzugekommen. Menschen, die ihre Trauer über digitale Kanäle kommunizieren und damit verarbeiten, kennen wir seit einigen Jahren. Da gibt es Social Media-Accounts, Webpräsenzen und sogar virtuelle Grabstätten, die von Angehörigen weitergeführt werden, um an verstorbene Personen zu erinnern.

Doch es gibt einen Unterschied zur Situation in 2020. Wer Trauer und ihrer Verarbeitung in Social Media bisher aus dem Weg gehen wollte, konnte das ohne großen Aufwand. Jetzt hat es den Eindruck, die Omnipräsenz des Internets wird seit mehr als einem halben Jahr von der Omnipräsenz der Pandemie beinahe schon überlagert. Auf der einen Seite kann einen die Trauer fremder Menschen auf die Dauer emotional überfordern. Auf der anderen Seite wird der Tod so wieder zu einem alltäglichen und selbstverständlichen Teil des öffentlichen Lebens.

Trauern mit Anstand

Wenn Nähe im Rahmen der Trauer nicht möglich ist, leiden nicht nur trauernde Angehörige und Freunde, sondern auch Menschen, die in erster Line eben jenen nahestehen. Wie trauert man mit? Ist physische Anwesenheit auf Distanz überhaupt noch sinnvoll? Ist eine ausführliche WhatsApp vielleicht persönlicher oder rücksichtsvoller?

Wir haben einen Blick in einige Trauer-Knigge geworfen und möchten in teilweiser Abwandlung ein paar Ansätze weitergeben.

  • Einige zentrale Trauer-Traditionen sind vielen Menschen immer noch sehr präsent. Sich auf sie zu besinnen, um seine Mit-Trauer auszudrücken, kann gerade in einer Zeit in der Nähe nicht erlaubt oder nicht möglich ist eine besonders mitfühlende Geste sein.
  • Beispiel: Auch wenn die schriftliche Kommunikation zwischen Menschen heute überwiegend digital stattfindet, mag man sich an die Tradition der Kondolenzkarte Schöne Karten mit Motiven in schwarz-weiß findet man immer noch überall – auch im Lotto-Laden um die Ecke. Sie sind meist nachhaltiger als eine Message über beispielsweise Facebook.
  • Mit schwarzer Kleidung kann man auch aus der Entfernung auf dem Friedhof Respekt und Mitgefühl bekunden.
  • Es ist mitunter nicht einfach angemessen zu kondolieren, sich dabei aber gleichzeitig nicht zu wichtig zu nehmen. Explizit sein Beileid bekunden wirkt vielleicht altmodisch, ist aber immer noch bekannt und geschätzt. Wenn sich die persönliche Gelegenheit vor Ort nicht ergibt, bitte nicht erzwingen. Auch dann kann eine nachträgliche Kondolenzkarte eine mitfühlende Geste sein. Und bitte hinterher nie nachfragen, ob die Karte auch angekommen ist.
  • Neuere digitale Trauer-Traditionen wie etwa die Weiterführung des Social Media Accounts eines Verstorbenen, können dazu anregen, mit den Trauernden auf eine persönliche Weise in Verbindung zu bleiben, ohne sich aufzudrängen.
    Das funktioniert auch in umgekehrter Richtung. Wer sich als Trauernder unsicher ist, wie viel unmittelbare Nähe man zulassen möchte, der kann mit so einem Account auch einen Kanal für Mit-Trauernde einrichten und selbst entscheiden, wie oft er dort reinschauen und kommunizieren möchte.
  • Nicht wenige Menschen, auch Experten, sprechen von einem halben bis ganzen Jahr als eine Zeit der akuten Trauer. In dieser Zeit gibt es Anlässe, auch nach der Trauerfeier mitzuteilen, dass man an die Trauernden denkt. Jeder Geburtstag, jedes religiöse Fest, jeder Jahreswechsel, ein Hochzeitstag und vieles mehr findet für die Hinterbliebenen ein erstes Mal ohne den Verstorbenen statt. Auch zu solchen Anlässen kann man Beistand anbieten.
  • Von vielen als mitfühlende Geste wahrgenommen wird auch ein nachträglicher Besuch des Grabes und vielleicht ein paar dort niedergelegte Blumen. Vielleicht sollte man dann aber darauf verzichten, diese zu fotografieren und womöglich in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen.

Planung einer Trauerfeier in Corona-Zeiten

Zum Zeitpunkt, als dieser Artikel verfasst wurde, Mitte Oktober war eine konkrete Planung hinsichtlich Anzahl der Trauergäste nicht mehr möglich. Mittlerweile ändern sich teilweise noch am selben Tag die Bestimmungen mehrfach.

Beispiel: In den Wochen vor dem 15. Oktober war es im Umfeld der Stadt München so geregelt, dass die Größe (Quadratmeterzahl) der Trauerhalle, in welcher der Verstorbenen vor der Beisetzung aufbewahrt wird, maßgeblich für die Anzahl der Gäste war. Am 16. Oktober änderte sich alles dahingehend, als dass die allgemeinen Corona-Bestimmungen in Bayern generell nur noch zehn Gäste zuließen.

In diesen Zeiten empfiehlt es sich zuerst beim Bestatter, der ohnehin einbezogen werden muss oder angeschlossenen Trauerberatungen nachzufragen. Die Anzahl der erlaubten Trauergäste in einer Trauerhalle wird sehr wahrscheinlich geringer sein als bei der eigentlichen Beisetzung auf dem Friedhof.

Darüber hinaus kann es gerade bei so starken emotionalen Anlässen eine nachhaltig gute Idee sein, im Vorfeld oder mit einer kurzen Liste vor Ort die Gäste auf folgende Punkte hinzuweisen:

  • Bitte kein Händeschütteln, keine Umarmungen
  • Bitte Abstand zu anderen Menschen halten (mindestens 1,5 Meter)
  • Beim Husten und Niesen bitte von Umstehenden wegdrehen, Mund und Nase mit der Ellenbeuge abdecken
  • Bitte Hände vorher und nachher gründlich waschen oder desinfizieren (eventuell vor Ort eine Flasche Desinfektionsmittel und Papiertücher aufstellen)
  • Teilweise ist das Auslegen von Kondolenzlisten untersagt, um zu vermeiden, dass mehrere Personen den gleichen Stift berühren. Da die erlaubte Gästezahl ohnehin überschaubar sein wird, kann man möglicherweise alternativ einen Becher mit einer ausreichenden Anzahl Stiften aufstellen.

Die Kontaktaufnahme mit einer Trauerberatung ist eigentlich immer eine gute Idee. Und gehen Sie davon aus, dass keine Frage im Zusammenhang mit einem Trauerfall sowie einer Trauerfeier dafür zu unwichtig ist. Erst recht nicht in Zeiten dieser Pandemie.

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